„Alles geht über die Augen.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 83

„Wie kann ich verstehen, wenn Masken getragen werden müssen? Es fehlt mir Gestik und Mimik“, erzählt mir die hörbeeinträchtigte Frau beim Schloss Uster. „Neulich in der Apotheke habe ich mich mit einem entsprechenden Foto auf dem Handy, das ich unter der Plexiglasscheibe durchschob, verständigt.

Verstehen ist für mich wie ein Puzzle. Wenn gewisse Stücke fehlen, versuche ich die entsprechenden Teile mit meiner Fantasie zu erraten. Hohe Töne kann ich nicht hören, zum Beispiel das Vogelgezwitscher und das Summen der Bienen. Im Haushalt piepsen viele Geräte. Wenn ich meine Alltagsroutine ins Detail vorprogrammiere und konditioniere, bleiben wenig Gefahrenquellen.

Ich bin ein Augenmensch. Was ich sehe, wirkt unmittelbar auf mich ein. Meine Augen sind aufmerksam und informieren mich. Mein Herz ist offen, um schöne Dinge zu entdecken und Momente zu geniessen. In der Natur kann ich auftanken und mich erholen. Gewisse Eindrücke überwältigen mich emotional.

Erst im Alter von 33 Jahren sagte mir eine Freundin beim Autofahren: Das isch nöd normal, wie schlecht du ghörsch! In der Primarschule habe ich beim Singen den Fisch gemacht. Kopfrechnen und Diktate schreiben waren eine Katastrophe. Niemand hat das mit schlechtem Hören in Verbindung gebracht. Heute ist die Früherkennung bei den Kindern besser.

Seit vielen Jahren unterrichte ich mit Freude und Leidenschaft Textiles und Technisch Gestalten auf der Primarstufe (Handarbeit hiess es vor dem Lehrplan 21). In meinen Lektionen gibt es viele visuellen Hilfen. Fremdsprachige Kinder profitieren davon. Die Schülerinnen trainieren das deutliche Artikulierten und Sprechen ganzer Sätze. Sie müssen mich anschauen, dass ich sie verstehen kann.

Ich bin glücklich geschieden und wohne im gleichen Haus wie mein Bruder. Meine Eltern unterstütze ich; sei es bei Arzt- oder Podologiebesuchen, mit schweren Einkäufen und auch bei ihrer Wäsche. Im Elternhaus schau ich zum Rechten. Wenn ich ihnen frische Himbeeren aus ihrem Garten bringe, strahlen sie wie Maienkäfer.

Die Mitternachtssonne im Norden möchte ich erleben. Ein Gleitschirmflug im Tandem, das reizt mich. In der Stille schweben wie beim Ballonfahren, die Aussicht und den Weitblick geniessen. Von oben sieht alles so friedlich aus.“

Die Kirchenglocken läuten neben dem Schloss, eine Eidechse wärmt sich am heissen Stein.

„Einmal war ich mit meinen Eltern an einem klassischen Konzert. Die Harfistin zupfte an den Saiten. Ich habe die Klänge nicht gehört, der Tinnitus war viel lauter in meinem Kopf. Das hat mich sehr traurig gestimmt. Dann stelle ich mir vor, was alles noch viel schlimmer sein könnte. Viele tolle Freunde und meine Familie helfen mir wieder auf die Beine, wenn ich strande. Mein Leben ist schön!“

Lena Estermann, notiert in der Zuhörerei

Eine Frau schaut vom Schloss in Richtung Greifensee
Iris ist ein Augenmensch. Aussicht und Weitblick mag sie sehr.

 Sie möchten uns etwas erzählen? Eine Geschichte, eine Erfahrung, einen Gedanken? Rufen Sie uns an: 076 504 86 68 Falls wir besetzt sind, rufen wir Sie gerne zurück.