„Weniger Anonymität wäre schön.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 79

„Hier in Uster leben wir leider oft sehr anonym“, erzählt mir die ältere Frau. „Wir bemühen uns, das aufzubrechen. Als wir vor drei Jahren in die grosse Siedlung eingezogen sind, haben wir unsere Wohnung an einem Samstag geöffnet und alle Leute im Haus eingeladen. Einige sind auch gekommen. Das war schön. Aber es gibt viele im Haus, von denen man gar nichts weiss.

Es hat uns sehr getroffen, als wir erfahren haben, dass ein junger Mann bei uns im Haus gestorben ist. Er lebte allein. Wir waren nicht da, als der Notarzt kam. Nachbarn haben uns davon erzählt. Wir wussten nicht, ob er Familie hat, Freude. Und auch sonst wusste keiner im Haus etwas über ihn. Hat er sich umgebracht? War er krank? Wir haben eine Karte in seinen Briefkasten gelegt. Mehr konnten wir nicht tun. Daraufhin erhielten wir eine Danksagung. Das ist nun ein halbes Jahr her, aber es beschäftigt uns immer noch. Manchmal denken wir, dass die Architektur der Wohnhäuser die Anonymität fördert. Das finden wir schade.“

Beatrice Stebler, notiert in der Zuhörerei an der Poststrasse

Anonymes Wohnen in Uster.

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