Ärger und Enttäuschung

Zuhörerei: Notiz Nummer 72

„Uster ist gar nichts mehr. Nur noch Beton. Nur noch hässliche Bauten. Schauen sie sich das an.“ Der ältere Mann, dem ich zuhöre, ist im ersten Moment sichtlich verärgert. Je länger ich ihm zuhöre, merke ich aber, dass hinter dem lauten Ärger eine tiefe Enttäuschung steckt. „Ich bin in Uster aufgewachsen und hatte hier viele gute Jahre. Ich habe beim Zellweger gearbeitet, habe viele Leute in Uster gekannt. Am Freitag war Stammtisch. Da gab es noch Beizen für uns „normale Menschen“. Beizen ohne weisse Tischtücher. Heute gibt es das alles nicht mehr. Ich kenne kaum noch jemanden. Viele sind weggestorben. Ich finde mich hier nicht mehr zu Recht, fühle mich nicht mehr daheim.

Corona war schlimm. Ich musste all meine Auftritte absagen. Ich spiele volkstümliche Musik in einem Duo. So kann ich meine Rente aufbessern. In der Bar, in der wir in Zürich spielen, durften wir nicht mehr auftreten. Jetzt habe ich ein riesiges Loch in der Kasse. Und wenn eine zweite Welle kommt? Nein, Uster gefällt mir nicht mehr.“

„Gibt es denn nicht einen Ort, der ihnen in Uster etwas bedeutet, den sie mögen?“ frage ich. „Doch, den Friedhof. Das ist der Ort, der auf mich wartet und wo ich hoffentlich bald hin komme.“

Ich wünsche dem älteren Mann herzlich alles Gute.

Beatrice Stebler, notiert in der Zuhörerei an der Poststrasse

Kern Nord und Kern Süd nahe der Poststrasse.

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