„Tief im Herzen bin ich eine Latina.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 66

„Deni….ssss….e, du musst Salsa tanzen auf dem  Buchstaben „S“, lacht die Frau mit dem flachsblonden Haaren. „Mein Name stammt ursprünglich von Dyonisos, dem griechischen Gott der Sinnlichkeit. Mein Lebensmotto heisst: „Frage nicht nach dem Sinn des Lebens, frage nach der Sinnlichkeit.“ Denise managt ein Team von 28 Berater*innen beim Bund für Sehbehinderte. Sie ist Vollblut-Musikerin und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.

„Ich weiss nicht, was ich sehen würde, wenn ich alles sehen könnte. Ich bin seit meiner Geburt sehbehindert. Der medizinisch graue Star machte meine Linse trüb. Die Iris kann sich nicht gut anpassen, hell-dunkel Einstellungen sind sehr beschränkt.  Mein messbarer Visus beträgt 3-5%. Eine zusätzliche Einschränkung ist ein angeborener Nystagmus. Ich kann die Bewegungen im Ruhestand meiner Augen nicht steuern. Wenn ich meine Finger auf die Lider lege, dann spüre ich die unwillkürlichen Bewegungen. Die Augen machen, was sie wollen.

In der Schweiz ist alles sehr optisch. Wenn etwas nicht der Norm entspricht, dann wird komisch geguckt: „Gehen sie doch mal zum Augenarzt! Haben sie denn keine Brille? “Solche Bemerkungen im Zug und im öffentlichen Raum treffen mich immer noch schmerzlich. Es gibt viele intolerante Menschen. Ich weigere mich unerschütterlich, hartnäckig und ausdauernd, dass die Intoleranten gewinnen. 

Ich habe ein fittes Gehirn. Das ist mein riesiges Glück. Es macht mir Vorschläge, kombiniert ständig dazu. Meine Füsse sind sensorische Fühler. Beim Skifahren spüren sie blitzschnell und verlässlich den Untergrund, die Konsistenz des Schnees. Mein Lebenselixier jedoch ist die Musik. Schon als kleines Kind habe ich gespürt, dass man sich in die Musik hinein betten kann, sich hingeben kann mit Körper und Seele. Ich habe nach der Matur zehn Jahre in Chile studiert und gelebt. Tief in meinem Herzen bin ich eine Latina.

Das Atelier im Zeughaus ist meine Oase. Mit meinen beiden Bands üben wir zweimal die Woche. Wenn die Emotionen überspringen, die Flöte ein rasantes Solo macht, wenn sich  automatisch eine Harmonie einstellt, dann fehlt nur noch die grosse Liebe.“  

Lena Esterman notiert in der Zuhörerei auf Distanz

Denise mit Gitarre vor einem Plakat

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