„Ich habe schon Schlimmeres erlebt.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 60

„Für mich waren die letzten Wochen nicht so schlimm. Als Gärtner-Lehrling konnte ich jeden Tag arbeiten gehen. Wir hatten viel zu tun. Alle bestellten Frühlingspflanzen und die lieferten wir nach Hause. Zur Arbeit bin ich von Uster immer mit dem Velo nach Russikon gefahren.“ Der 22 jährige Afghane lebt seit knapp 6 Jahren in Uster. „Ich habe schon viel schlimmere Zeiten erlebt“, erzählt er am Telefon. „Die Flucht aus Afghanistan, die Zeit in Griechenland im Gefängnis, das war viel härter. Natürlich vermisse ich einiges: die Fussballspiele am Fernsehen, das Bier mit Kollegen in der Bar,  ein Ballspiel mit Freunden. Das Leben ist langweiliger so. Und ich freue mich auch, wenn die Schule wieder anfängt. Ich lerne lieber und ich lerne besser im Klassenzimmer. Mein Bruder ist vor knapp einem Jahr in die Schweiz gekommen. Er ist noch in einem Zentrum für minderjährige Flüchtlinge. Für ihn war die Isolation viel grösser. Er durfte gar nicht mehr raus gehen. Aber er ist stark genug und kann das aushalten. Auch er hat schon Schlimmeres erlebt. Er weiss, dass wir jetzt einfach Geduld haben müssen. Sorgen mache ich mir nicht um mich und meinen Bruder. Sorgen mache ich mir um meine Eltern. In Afghanistan gibt es auch Corona-Tote. In dem Dorf, wo meine Eltern leben, gibt es keinen Arzt. Und es gibt auch keine Polizei, die kontrolliert, ob sich Menschen versammeln. Da werden immer noch Feste gefeiert. Meine Eltern gehen aber nicht hin und schützen sich. Das beruhigt mich.»

Beatrice Stebler, notiert in der Zuhörerei auf Distanz.

Junger Mann fährt mit dem Fahrrad durch grüneLandschaft.
„Mir geht es gut, wenn ich viel draussen sein kann.“ Täglich fährt der Gärtner-Lehrling mit dem Velo zur Arbeit nach Russikon.

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