„Was für ein Leben wollen wir?“

Zuhörerei: Notiz Nummer 57

„Ich frage mich schon, wie lange man den Bewohnerinnen und Bewohnern diese Isolation zumuten kann?“ , sagt mir die Pflegefachfrau HF auf einer Bank am Greifensee. Wir sitzen mit gebührendem Abstand. Seit 25 Jahren arbeitet die Frau in der Pflege, derzeit in einem Pflegeheim. «Das Arbeiten mit der Maske erschwert unseren Alltag. Die Mimik, der Gesichtsausdruck, alles ist unter der Maske versteckt. Und auch meine Sprechstimme verändert sich unter der Maske. Manchmal muss ich sie abnehmen, damit eine Bewohnerin mich versteht. Etwa die Hälfte unserer Bewohner versteht die Situation noch sehr gut und hält sich an die Vorschriften, die jetzt gelten. Ich weiss nicht, ob ich dies alles auch so akzeptieren könnte. Die Bewohner fühlen sich manchmal wie in einem Gefängnis. Es kommen keine Besuche, man ist immer beisammen, man geht sich schneller auf den Wecker. Ich kann sehr gut verstehen, dass am Anfang der Corona-Krise die harten Massnahmen nötig waren. Vor allem um die Spitäler zu entlasten. Jetzt aber wünsche ich mir einen entspannteren Umgang mit dem Virus. Wenn wir nur in Angst vor dem Virus leben, ist dies ein wahnsinniger Verlust für die Gesellschaft. Was für ein Leben wollen wir? Zählen vor allem die Anzahl Jahre oder zählt die Art, wie wir sie leben? Wenn ein Sterbender heute kurz vor seinem Tod besucht werden darf, hilft das vielleicht den Angehörigen. Aber braucht der Sterbende dann noch Besuch? Bräuchte er ihn nicht vorher? Das sind für mich wichtige Fragen, die wir uns alle stellen sollten. Eine Bewohnerin sehnt sich jeden Tag danach, dass man sie kurz in die Arme nimmt. Ich jedenfalls kann ihr dies nicht immer verwehren.»

Beatrice Stebler, notiert in der Zuhörerei auf Distanz

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