„Ist das die Schweiz?“

Zuhörerei: Notiz Nummer 53

«Ich bin froh, ist die Zeit im Pflegeheim zu Ende. Es war emotional sehr fordernd und bedrückend. Wenn ich das so sage, fühle mich aber gar nicht gut. Schliesslich arbeiten Tag für Tag Menschen im Pflegeheim für uns weiter.» Die Frau, die mir dies am Telefon erzählt, ist eigentlich Hortleiterin. In Zeiten von Corona blieb der Hort beinahe leer. Die Angestellten wurden deshalb gebeten, in einem andern systemrelevanten Arbeitsfeld einen freiwilligen Einsatz zu machen. «Auf unserer Pflegeheimstation leben 28 Menschen. Vielen von ihnen geht es psychisch schlecht: Die einen sind sehr bedürftig, wollen dich nicht gehen lassen. Können sie mir nicht noch…bitte… Manche sind aggressiv, vor allem auch sprachlich. Und andere sind einfach nur traurig. Eine Frau fragte mich zwei Mal, warum ich ihr nicht die Exit Tablette gebe. Ich habe den Eindruck die Bewohner*innen leiden darunter, nicht mehr selbst bestimmt zu sein. Und die Scham ist gross. Für die Bewohner*innen ist mit Corona alles hier zusammengebrochen. Es gibt kein Singen mehr, kein Turnen, keinen Spielnachmittag. Und es gibt auch keinen Besuch von aussen.  Ich war den ganzen Tag nur in Eile und arbeitete im Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden. Ich habe mir eine Liste gemacht und mir aufgeschrieben, mit wem ich wann und wie lange einen kleinen Spaziergang mache. Gleichzeitig nimmst du wahr, wie belastend die Arbeit für die Pflegenden ist. Es sind viel zu wenige da, manchmal können sie nicht mal die Körperpflege bei allen Bewohner*innen durchführen. Eine Frau musste einfach in ihrer vollen  Windel liegen bleiben, bis die Pflegefachfrau wieder aus ihrer Pause kam. Es war niemand anderer da, der sie hätte wickeln können. Ich kann gut nachvollziehen, dass es schwierig ist, immer freundlich und zugewandt zu bleiben. Nach einigen Arbeitstagen am Stück waren meine Nerven auch dünner. Was hier tagtäglich an Leid ausgehalten werden muss während der Coronazeit – von Pflegenden und Bewohner*innen –  ist unfassbar. Am Abend im Bus war ich nur erschöpft und leer. Ist das die Schweiz? Kommen nicht mal hier in diesem reichen Land die Menschen an erster Stelle? Das beelendet mich sehr.»

Beatrice Stebler, notiert in der Zuhörerei auf Distanz.

Eine Pflegrin mit Schautzmaske fotografiert sich selber in der Umkleide
Bereit für den Einsatz im Pflegeheim.

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