„Wir leben in zwei verschiedenen Welten.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 47

Der Himmel ist blau wie ein Vergissmeinnicht. Uster geht raus um sich die Beine zu vertreten, den Kopf zu lüften, Abstand zu gewinnen von so viel Zuhause. Coronazeit. Die Bahnhofsitzbänke sind leer. Was machen eigentlich die  italienischen Senioren, die hier immer sitzen, wenn es warm ist? Ich setze mich auf ihre Sitzbank und erinnere mich an das Zuhörerei-Gespräch, das ich vor einiger Zeit mit ihnen im Einkaufszentrum Illuster geführt habe.

«Icche nicche deutsch sprecche», winken die italienischen Senioren ab und zeigen alle auf einen Mann mit Hut. Er soll für die Gruppe sprechen: „Wir sind sieben Männer. Alle zwischen 66 und 85 Jahren alt und wohnen seit 1968 in Uster. Ich habe 48 Jahre in Uster gearbeitet. Wenn du dich integrieren möchtest, musst du die Sprachen lernen. Hochdeutsch und Schweizerdeutsch, sonst bleibst du im Ghetto. Mein Chef damals sprach fliessend Italienisch, ein Glücksfall. Wir leben in zwei verschiedenen Welten und sind doch Italiener geblieben. Meistens reden wir über das Gleiche: über die Gesundheit, die knappe Rente und über die Enkelkinder. Wenn einer ins Spital muss, begleiten wir ihn. Die Frauen kochen, spazieren mit den Enkelkindern, pflegen Freundschaften und machen immer etwas Nützliches. Ich versuche meiner Enkeltochter Italienisch beizubringen. Sie interessiert sich nicht sehr dafür. Mit meiner Frau mache ich täglich Spaziergänge am See. Der See ist mein Meer.“

Lena Estermann, notiert in der Zuhörerei im Illuster

Leere Sitzbänke vor dem Bahnhof
Corona verlangt Distanz. Die Sitzbänke am Bahnhof sind verwaist.

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