„Meine Familie ist hier.“

Zuhörerei: Notiz Nummer 37

Vom Montag bis und mit Samstag steht die Frau an ihrem Stammplatz im Illuster und verkauft das Strassenmagazin Surprise. „Früher bin ich den ganzen Tag gestanden wie das Militär. Heute erlaube ich mir auch ein paar Sitzstunden.“ Sie leidet unter Rücken- und Nierenschmerzen. Die Staubluft, der Lärm und der Durchzug während den Umbauphasen hätten ihr gesundheitlich sehr zugesetzt. „Jeden Tag gönne ich mir einen Kaffee, ein Gipfeli. Wenn ich besonders viele Hefte verkauft habe, zusätzlich eine Extraportion Pommes.“ Frau Surprise verkaufte ihr erstes Strassenmagazin vor elf Jahren im Illuster. Der erste Mann starb ihr mit 42 Jahren weg, hinterliess ihr eine Tochter und einen Sohn. Der zweite Mann war gewalttätig und verliess sie. Sie stand alleine da. Ohne Arbeit, ohne Ausbildung, ohne Geld. „Ich habe eine Tochter in Wien, mit der ich täglich telefoniere, einen Sohn, sieben Enkel und zwei Urenkel“, erzählt die stolze Urgrossmutter. „Privat habe ich niemanden, meine Familie ist hier im Illuster.“ Frau Surprise umarmt in einer ausladenen schwungvollen Geste das ganze Illuster. „Die Leute kennen mich, sprechen mit mir und bringen manchmal kleine Präsentchen. Ich habe sehr viele, nette Stammkundinnen.“

Lena Estermann, notiert in der Zuhörerei im Illuster

Titelbild des Strassenmagazins Surprise
Fast jeden Tag steht Frau Surprise in der Migros und verkauft das Strassenmagazin.