Wen übersehe ich?

Montagabend. Feierabend. Stossverkehr. Ich stehe am Bahnhof vor der grossen Treppe und halte eine Fragentafel in der Hand: „Gibt es Menschen, die Sie in Uster übersehen?“ Ich stehe da und schaue. Sicher eine halbe Stunde lang. Menschen rennen auf den Zug, Menschen hasten die Treppe hoch, sie sind wohl schon fast daheim. Gefühlt ziehen 500 Menschen an mir vorbei, mehr Männer als Frauen. Einige gehen schwer, ein Rollstuhlfahrer biegt in der Unterführung ab und fährt die Rampe hoch, zwei tasten sich mit dem Blindenstock die Treppe hoch. Ich stehe und schaue in die Gesichter, die ich alle nicht kenne. Kein einziges. Manchmal ergibt sich ein Blick, ein Lächeln, Zustimmung. Für einen kurzen Moment haben wir uns gesehen.

Beatrice Stebler, 25.11.2019

Mann und Frau mit einer Fragetafel auf dem Perron. Die Tafel zeigt die Frage: Gibt es in Uster Menschen, die sie übersehen?